19. Juni 2023
Von Christoph Huber

SA 10. Juni 2023
New DAF- Swing
RAY ANDERSON/HAN BENNINK/ERNST GLERUM/PAUL VAN KEMENADE
Ray Anderson (tb), Han Bennink (dr), Ernst Glerum (b), Paul van Kemenade (as)

DAF = Dutch-American Friendship, so könnte man die Zusammenkunft dieser vier Improvisations-Maitre titulieren. Dem Jazz sind sie eng verbunden. Von der traditionellsten bis zur radikalsten Form. Jeweils die eigenen Schlüsse daraus ziehend. Entsprechend solcher Konsequenz erlangten sie den Status innovativer Stilisten. Auf ihre alten/ganz alten Tage (Bennink ist 81) wollten sie ihr kreatives Feuer nochmals bündeln. Nicht, dass es nur glühen würde, es lodert noch ordentlich. Von Beginn an war jede Menge Lust im Spiel. Alleine Bennink, der nach wie vor mit juveniler Freude und Kauzigkeit swingt, verschmitzt die Musik „In Time“ hält, um das „Keeping“ jäh gezielt aus Ruder laufen zu lassen. Eine Fülle an rhythmischen Nuancen der Ereignishaftigkeit erreicht er durch überaus intelligente Reduktion. Schon seit langem reicht dem Han dazu maximal das klassische Drumset. So auch diesmal. Und die antreibenden Ideen gehen ihm nicht aus. Gediegen wirbelte er Rhythmen durcheinander, gerade wie ungerade, kreuzte sie, zerstückelte sie, setzte Off-Beats spannkraftsteigernd gegeneinander – alles flog. Bassist Glerum zündelte gleichfalls mit den den Stücken eingeschriebenen Hook- und Walking Lines. Begleitet von einem Ton der ordentlich Körper hat. Auch setzte er mit seiner gefinkelten Melodierhythmik dramaturgisch potente Off-Beats  jenen von Bennink hinzu. Die Stücke, alles Originale der Protagonisten, sind der Würze der Kürze verpflichtet, präsentieren sich in ihrer Formgebung als „aus heutiger Sicht harmonisch auffrisierter Hard Bop“, der klassizistisch zugeknöpft genau so funktioniert wie mit offenem Kragen. Bissige Klangsprache offeriert der Altist van Kemenade.  Das frontal Exzessive wie differenziert Balladeske hat er im Repertoire. Ornette, McLean, Dolphy sprudeln als Inspirationsquellen in seinen eckigen Changes und losen Tonfolgen. Sprunghaftes Stakkato quillt aus ihm ebenso hervor wie das elegante Legato. Vielschichtigkeit erlangt somit sein Vortrag. Das trifft sich ziemlich optimal mit dem rhythmisch gegliederten Ansatz von Andersons „Posaunistik“. Auch er kennt die Jazzhistorie seines Instrumentes detailgenau. Raffinesse klanglich, in der Stimmführung, den Melismen, der Phrasierung, Artikulation sind die Tugenden im Spiel des Posaunisten. All das bekommt bei ihm völlig unaufgeregt und dringlich Gewicht. Bruchlos begaben sich die beiden Bläserstimmen in Verschränkung, waren in ihrer Kurzweiligkeit ebenso präzise wie gehaltvoll. Jazz von umfassenden persönlichen Geschichten geprägt und mit enormem Lebensdurst erzählt. Wohl wissend, dass das Vorhergegangene zu reichhaltig ist um es zu ignorieren bzw. das  Voranschreitende zu wertvoll ist um es ungenutzt zu lassen.