Sa 18. Mai 2024
20:30

Raab / Van Endert / Tortiller 'Hope & Gratitude' (A/D/F)

Lorenz Raab: fluegelhorn, trumpet, mellophonium
Philipp Van Endert: guitar
Franck Tortiller: vibraphone

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Schauen wir zuallererst auf das Cover. Darauf zu sehen ist eine Zeichnung des österreichischen Illustrators Artur Bodenstein. Zwei Elefanten mit mehrstöckigen, Fahnen und Wimpeln beflaggten Holzhütten auf dem Rücken stehen sich gegenüber. In ihren Nacken sitzen zwei Wesen, von denen nicht klar ist, ob es Menschen sind oder nicht doch irgendein Getier. In den Händen halten sie lange Stangen, die einerseits Gerten zum Lenken der Elefanten, andererseits aber auch Speere oder Degen sein können. Überhaupt ist die Atmosphäre dieser Szenerie recht uneindeutig: Beginnen sich die beiden Elefanten gleich zu umkreisen und zum Angriff zu blasen? Oder sind sie doch ganz friedlich und werden gleich zu tanzen anfangen? So wie uns der Titel „Hope & Gratitude“ ja überhaupt im Vagen lässt – mit seinen leise gestellten Fragen nach der Hoffnung auf und der Dankbarkeit wofür.

Die drei Musiker dieses neuen, österreichisch-französisch-deutschen Trios sind auf Initiative des Wiener Trompeters und Flügelhornisten Lorenz Raab zusammengekommen. Der wurde 2020 von den Verantwortlichen des Jazzfestivals Saalfelden im Salzburger Land gefragt, ob er eine Band zusammenstellen wolle, um beim Corona-Ersatzfestival, dem Weekender in der Saalfelder Stadtpfarrkirche aufzutreten. Weil die Hallzeiten in Kirchen ziemlich lang sein können, ist für Raab von vornherein klar gewesen, dass er keine Gruppe mit Schlagzeug zusammenbringen will, sondern eine kammermusikalische Besetzung, die diesen Kirchenhall gleichsam in ihr ästhetisch-musikalisches Konzept einbezieht.

Den französischen Vibrafonisten Franck Tortiller kennt Raab aus dessen Zeit beim Vienna Art Orchestra. Weil er bei diesem Kirchenkonzert nicht ausschließlich, aber doch hauptsächlich das Flügelhorn spielen wollte, ist es sein Plan gewesen, die bauchig-warme Klangfarbe dieses Blechblasinstrumentes so passgenau wie möglich auf den kristallin-perkussiven Sound des Vibrafons aufzusetzen. Dritter im Bunde ist Philipp van Endert, in dessen Trio Raab vor einigen Jahren während einer Österreich-Tournee Gastsolist war. Dabei spürte er sofort, wie gut er mit dem Düsseldorfer Gitarristen harmonierte. Und van Endert baut in dem Trio mit Raab und Tortiller stets eine Brücke zwischen dem Flügelhorn (und manchmal auch der Trompete) auf der einen und dem Vibrafon auf der anderen Seite.

Wer von den dreien wann auf die Idee mit dem Titel „Hope & Gratitude“ gekommen ist, lässt sich nicht mehr so genau verifizieren. Es kann aber durchaus nach dem Konzert vor fast drei Jahren in der Stadtpfarrkirche von Saalfelden gewesen sein, als Raab, Tortiller und van Endert auf den Treppen vor dem blau illuminierten Altarraum standen und ihr kammermusikalisches Repertoire aus Originalkompositionen und zwei Coverversionen, „Love, Air & Vitamines“ von Harry Pepl und der Jimi-Hendrix-Klassiker „Little Wing“, den gut 250 Menschen, die wegen der Corona-Auflagen beim Konzert zugelassen waren, spielten. In diesem Sommer nach dem ersten Lockdown hoffte man noch darauf, schon bald wieder so etwas wie Normalität zu haben. Dass diese Hoffnung trog, konnte damals niemand wissen. Man war zuallererst dankbar, dass man halbwegs unbeschadet durch die Pandemie gekommen ist.

Das Repertoire dieses denkwürdigen Konzertabends findet sich, inklusive der beiden Fremdkompositionen, jetzt auch auf der Platte „Hope & Gratitude“ wieder. Direkt nach ihrem Konzert in Saalfelden wussten die drei Musiker jedenfalls sofort, dass es mit ihnen als Trio weitergehen muss. Zu gut hat man sich nämlich, menschlich wie musikalisch beim Spielen der Stücke verstanden, zu eng und zu dicht hat man gleich beim ersten Aufeinandertreffen die ästhetischen Verbindungen untereinander geknüpft. Es wäre geradezu leichtfertig gewesen, wenn es keine Fortsetzung ihrer künstlerisch so profitablen Zusammenarbeit gegeben hätte.

Die Improvisationsmusik, die Raab, Tortiller und van Endert vor drei Jahren als Trio zum ersten Mal ausprobiert hatten, hat im Studio dann ihren einmaligen, melodischen Charakter behalten, wie er gerne der Folklore aus Europa zugeschrieben wird. Gleichzeitig besitzt sie oftmals eine harmonische Komplexität, wie sie der musikalischen Avantgarde zueigen ist, und hat diesen leisen rhythmischen Impuls, der den Jazz dieses Trios erst zur ausdrucksstark-emotionalen Kammermusik werden lässt. Zudem klingen Raab, Tortiller und van Endert in ihrem Flow des kreativen Zusammenspiels oft und gerne so, als wäre das Improvisierte eben doch ein Stück komponierte Musik – und vice versa. Die drei Instrumentalisten legen dabei eine unverbrüchliche Selbstsicherheit an den Tag, als wollten sie das Vage und Uneindeutige von „Hope & Gratitude“ geradezu ad absurdum führen. (JazzSick Records)